Editorial

Was mit Medien … oder so…
Ende September ist das neue Deichkind-Album ‚Wer sagt denn das?‘ erschienen und mit ihrem Song ‚Cliffhänger‘ hat die (ehemalige) HipHop-Band aus Hamburg jetzt den definitiven Soundtrack zur Streaming-Ära produziert – so jedenfalls das Zeit-Magazin Online: “Heute Abend Netflix oder Prime / Das ziehen wir uns nachher rein / Ich glaub, Dark haben wir schon gesehn / War das nicht mit der oder doch mit dem / Was mit Tieren oder was mit Knast / Haben wir wirklich schon so viel geschafft? / Willst du Guns οder was mit Lοve? / Staffel Nummer zwölf, ich glaub’ das war’s.“

Apropos Netflix: Ebenfalls im September wollten wir im Rahmen eines FilmSpecials den österreichischen Dokumentarfilm ‚Joy‘ (2018, Regie: Sudabeh Mortezai) im Kreml Programmkino zeigen, der Anfang des Jahres in einem der vielen Kulturmagazine im deutschsprachigen Fernsehen als Kinoneuerscheinung vorgestellt wurde. Der Film erzählt die Geschichte einer jungen Nigerianerin, die im Teufelskreis von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung gefangen ist. Sie arbeitet in Wien als Prostituierte, um sich von ihrer Zuhälterin freizukaufen, ihre Familie in Nigeria zu unterstützen und ihrer kleinen Tochter eine Zukunft zu sichern. Obwohl die Freiheit für Joy in greifbarer Nähe ist, scheint ein Ausbruch aus dem perfiden Kreislauf des Menschenhandels unmöglich. Der Film liefert einen intimen und authentischen Einblick in das Leben von Frauen, die Opfer von Menschenhandel wurden. Dabei nimmt er durchgängig die Perspektive der Frauen ein und zeigt die privaten Momente, den alltäglichen Kampf, die komplexen Machtbeziehungen und auch die Stärke und Würde dieser Frauen, die auf Europas Straßenstrichen arbeiten.

Als wir den Film bei der österreichischen Produktions-/ Verleihfirma für eine Kinovorstellung ordern wollen, wird uns mitgeteilt, dass die Rechte für öffentliche Aufführungen außerhalb Österreichs mittlerweile an Netflix veräußert worden sind, wo der Film gegen Entgelt angeboten wird. Laut den Bestimmungen von Netflix, an die die österreichische Produktions- und Verleihfirma vertraglich gebunden ist, wird Joy für Vorführungen im öffentlichen Rahmen jedoch nicht zur Verfügung gestellt. Und das, obwohl der Film im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erstmalig vorgestellt und bekannt gemacht wurde. Also Kinofilmproduktion für Nicht-Kinos oder so… Ja, genau, das kennen wir, das gab es bei der Berlinale 2019, dem größten Kinofilmfestival hier in Deutschland, auch schon – damals mit dem Film der französischen Regisseurin Isabel Coixet ‚Elisa & Marcela‘. Und auch da hatte zwischenzeitlich Netflix die Filmrechte erworben und der bedauernswerte Film befand sich im Wettbewerb der angehenden Kinofilme ohne je die Chance zu haben, selbst ins Kino zu kommen… Ein trauriges Paradox.

Das Ende vom Lied: Aufgrund lizenzrechtlicher Probleme können wir zum FilmSpecial ‚Frauenhandel/ sexuelle Ausbeutung von Frauen‘ leider den angekündigten und geplanten Dokumentarfilm Joy nicht zeigen. Stattdessen haben wir kurzfristig einen anderen Film ins Programm aufgenommen, der das Thema in ähnlicher Weise angeht und für den wir die Vorführrechte erwerben konnten.

Und weiter mit Deichkinds ‚Cliffhänger‘: „Staffellauf im Sitzen, das geht heut’ die ganze Νacht / Εr hat sie betrogen, οh mein Gοtt / Wenn das Βaby schreit, Pausenknopf / Skip das Intrο, weil es nervt / Die ander’n neuen Staffeln kοmm’ im Ηerbst / Ich geb dir Νet, du gibst mir Flix / Wο ist das Βecks, wo sind die Chips? / Heute zähl’n wir keine Kalοrien / Die Leitung steht für’n guten Stream“

Apropos Guter Stream: Schon heute tobt im Hintergrund der Kampf der amerikanischen Streaming-Giganten – um alles, geht um Exit, was mit BREXIT. Ja, genau: um die Lizenzrechte der geplanten ersten BREXIT-Verfilmungen (der BREXIT als das Mega-Polit-Event in Europa), egal ob als nüchterner und aufklärerischer Dokumentarfilm, als Shakespeare-Drama oder als hochspannender 007-Spielfilmthriller. Genau: vielleicht auf Prime, vllt auch auf Netflix. Genauer: konkret um BREXIT. Noch genauer: um Regierungssystem und Verfassungs-Paradox. Wobei auch das noch genauer geht: das britische Regierungs- und Verfassungssystem hat sich in den letzten 20 Jahren mit Human Rights Act, Devolution, Supreme Court und Parliaments Act den kontinentalen Verfassungen (USA, Westeuropa) immer weiter angenähert, während aktuell ein Teil der britischen Bevölkerung und Gesellschaft sowie des dortigen politischen Establishments genau diesen kontinentalen Gremien in Form der Europäischen Union den Rücken kehren und sich lossagen will. Genau, genau: Verfassung wie die Europäer und dann vielleicht den Tunnel unter‘m Ärmelkanal wieder zuschütten, oder so… Ja, genau: Dialektik von höchster Brisanz, Wandel um alles, keiner merkt’s so richtig.

Und zurück zum Ausgangspunkt – ja genau, Netflix-HipHop: Die fiktive Hauptfigur der Anfang Herbst gestarteten Netflix-Serie ‚Skylines‘ ist inspiriert von der Frankfurter Gangsterrap-Szene und vom echten Frankfurter Rapper ‚Haftbefehl‘, der nicht ganz aus Frankfurt kommt. Und wie heißt es in ‚Skylines‘ einmal so schön trocken: “Da hätten wir gleich in Offenbach bleiben können!“

KREML Kulturhaus – Die Redaktion